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Rahel Gmür, Verwaltungsratspräsidentin der Spitex Genossenschaft Bern

Frau Gmür, wie hat sich die SPITEX BERN seit ihrer Gründung 1997 verändert?

Die SPITEX BERN hat sich in den letzten zwei Jahrzenten massiv weiterentwickelt. Als ich das Präsidium der SPITEX BERN übernahm, erfassten die Mitarbeitenden ihre Leistungen noch mit dem Bleistift. Heute findet alles elektronisch statt, zum Beispiel die Einsatzplanung oder die Leistungserfassung beim Kunden. Unser Leistungsangebot haben wir laufend ausgebaut: In den ersten zehn Jahren entstanden die Onkologie- und Palliativpflege sowie die Kinderspitex. Später kamen die Angebote Mind Care für psychisch und demenzerkrankte Menschen, Nachtdienst und Sitznachtwache dazu. Wenn ich mit Politikern im Bundeshaus rede, stelle ich fest, dass unsere Leistungsangebote verbunden mit der Professionalisierung noch nicht bei allen angekommen sind. Die meisten Politiker sind überrascht, wenn ich ihnen von unseren hochspezialisierten Dienstleistungen – zum Beispiel von der ambulanten Chemotherapie zu Hause – erzähle. Die Spitex arbeitet hoch professionell und ist heute ein zentraler Pfeiler der Gesundheitsversorgung.

 

Wie hat sich das politische Umfeld in den letzten 20 Jahren verändert?

Die Erwartungen an die Leistungen der Spitex sind gestiegen. Die Spitex bietet immer mehr Flexibilität, die Komplexität der Leistungen nimmt zu, und es gibt neue Entwicklungen: Stichwort IT oder elektronisches Patientendossier. Wir müssen viele Anforderungen erfüllen. Nur, die Politik ist sich unserer Bedeutung im Versorgungssystem nicht bewusst. Dies hat zur Folge, dass die Forderung nach weiteren Sparmassnahmen bei der Spitex sehr schnell laut wird. Bereits heute lastet auf der Spitex ein massiver Kostendruck. Dabei arbeiten wir hocheffizient. Die Spitex-Leistungen machen schweizweit nur gerade 2,8 Prozent der gesamten Gesundheitskosten von rund CHF 77,5 Mia. Franken aus.

 

Apropos sparen: Wie hat die SPITEX BERN die beiden Sparpakete des Kantons Bern von 2013 und 2014 verkraftet?

Die Sparrunden haben uns stark getroffen. Wir haben unsere Unternehmung umstrukturiert, indem wir zum Beispiel die Hauswirtschaft in die BelleVie AG ausgelagert haben. Uns stehen heute spürbar weniger Mittel zur Verfügung, obwohl die Anforderungen steigen. Wer bei der Spitex sparen will, argumentiert oft, die Spitex werde immer teurer. Dies ist eine falsche Interpretation der Fakten, denn es ist lediglich die Nachfrage, die durch die demografische Entwicklung steigt. Die Tarife sind seit fünf Jahren unverändert. 

 

Wie haben sich die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden über die Jahre verändert?

Viele unserer Kunden haben heute höhere und individuellere Ansprüche. Sie sind im Zeitalter von Google besser informiert. Sie wissen, was sie wollen und was nicht. Unsere Kunden wollen möglichst lange zu Hause bleiben, auch mit einer Demenzdiagnose oder mit einer anderen schweren Krankheit. Dadurch werden die Anforderungen an die Spitex immer komplexer. Wir sind deshalb auf gut ausgebildete und spezialisierte Fachfrauen und -männer angewiesen.

 

Gleichzeitig sieht sich die Spitex mit einem Fachkräftemangel konfrontiert …

Ja, das war vor 20 Jahren noch nicht so ausgeprägt. Wir wirken dem Fachkräftemangel entgegen, indem wir Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit ausbilden und uns in der Ausbildung von diplomierten Pflegefachleuten engagieren. Bewusste Laufbahnplanung oder Weiterbildungsangebote für die Mitarbeitenden sind weitere Faktoren, die das Problem entschärfen. Ausserdem können unsere Mitarbeitenden auch nach der Pensionierung noch bei uns arbeiten, mit reduziertem Pensum. Und: Die SPITEX BERN bietet sehr gute Arbeitsbedingungen. 

 

Wenn Sie auf die letzten 20 Jahre zurückschauen, worauf sind Sie besonders stolz?

Ich bin extrem stolz auf unsere Mitarbeitenden. Trotz immer neuer Anforderungen waren sie stets motiviert bei der Arbeit und bereit Veränderungen positiv mitzutragen. Viele unserer Mitarbeitenden sind uns über Jahrzehnte treu geblieben. Weiter bin ich stolz auf unsere Innovationskraft. Der SPITEX BERN gelingt es immer wieder, gemeinsam mit Partnern im Gesundheitswesen Neuausrichtungen zu gestalten. Und stolz bin ich auch auf die Realisierung des Zentrum Schönberg, das Pflege, Betreuung, Beratung, Bildung und Forschung unter einem Dach vereint. Das eigentliche Novum am Zentrum ist aber die durchlässige Versorgung mit Beratung sowie ambulanter, teilstationäre und stationäre Pflege und Betreuung.

 

Die SPITEX BERN gilt in der Branche als Vorreiterin. Wie kommt es dazu?

In den 20 Jahren organisierten wir drei Zukunftskonferenzen, an denen wir jeweils Leistungserbringer aus allen Bereichen an einen Tisch brachten. Jedes Mal sind daraus konkrete Projekte entstanden. Zum Beispiel die Palliativ- und Onkologiepflege, unser Angebot Mind Care, das Zentrum Schönberg und die Online-Patientenanmeldung OPAN®. Das Tool wird heute in vielen Kantonen flächendeckend eingesetzt, und die Spitäler begrüssen das Angebot. OPAN® eröffnet ihnen mehr Flexibilität bei der Anmeldung ihrer Patienten, weil sie auch zu später Stunde erfolgen kann.

 

Sie engagieren sich seit Jahrzenten für die Sache der Spitex. Was treibt Sie an?

Ich will, dass wir auch in 20 Jahren noch eine gute Grundversorgung haben. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Für mich ist ein sinnhaftes Engagement für die Gesellschaft sehr wichtig. Als mich die SPITEX BERN für den Vorstand anfragte, stellte ich zwei Forderungen: Erstens musste jedes Vorstandsmitglied eine Woche Mitarbeitende an der Front begleiten. Das löste zwar Widerstand aus, wurde aber murrend akzeptiert – und letztlich auch sehr geschätzt. Zweitens setzte ich durch, dass die Spitex neu von einem Betriebswirtschafter geführt wurde. Auch das hat sich bewährt.

 

Was erwarten Sie von der Politik?

Dass bei den Exponenten das Bewusstsein steigt, dass ohne die Spitex die Versorgungssicherheit gefährdet ist und dass der Spitex als dritter Pfeiler der Grundversorgung eine zentrale Rolle zukommt. Die von der Politik gewählte Richtung «ambulant vor stationär» ist richtig, kann aber nur mit der Bereitstellung der nötigen Mittel erfolgreich umgesetzt werden. Ich finde es gefährlich, darauf zu bauen, dass in Zukunft wieder vermehrt Angehörige die Betreuung übernehmen werden. Ich gehe eher davon aus, dass die Möglichkeiten, Freiwilligenarbeit zu leisten, durch die wirtschaftlichen Veränderungen sinken. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass der Wille dazu weiter abnehmen wird.

 
 

Zur Person

Rahel Gmür ist seit 17 Jahren Präsidentin der SPITEX BERN und hat die Organisation massgeblich mitgeprägt. Auf kantonaler und nationaler Ebene ist sie im Vorstand vertreten. Sie präsidiert die OdA Gesundheit Bern und ist im Vorstand des nationalen Dachverbandes OdA Santé tätig. Sie ist verheiratet und wohnt in Bern. In ihrer Freizeit findet man Rahel Gmür in den Bergen, an Konzerten, beim Lesen von Krimis oder beim Kochen und Geniessen.

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